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Das „Manntier“ in der Romantikkomödie

Werbetext aus der Mail zum Film "Alles Erlaubt"
Alles Erlaubt – Werbetext

Was kann es besseres für zwei Ehemänner geben, als von ihren Ehefrauen einen Freifahrtschein zu bekommen, genau eine Woche lang das zu tun, was sie schon immer machen wollten – und das ohne Konsequenzen. Ist dies tatsächlich das Paradies männlicher Freiheit?

Dies ist der Text, mit dem der Film „Alles Erlaubt“ auf Watchever im wöchentlichen Newsletter beworben wird.

Ich habe es schon häufiger erlebt, dass die Ehe für Männer als eine Art „Gefängnis“ dargestellt wird, so wie es der erste Satz in Form einer rhetorischen Frage vermitteln will. Denn Männer sind – das muss man wissen – von Natur aus animalische Wesen, die nur schwer zu bändigen sind; sie folgen ihren Instinkten in Kneipenschlägereien und haben große Mühe, ihren Sexualtrieb unter Kontrolle zu halten. So zumindest scheint das Narrativ zu sein, welches hinter solch einer Darstellung steht. Aber wieso sollten Männer während der Ehe nicht sowieso das tun können, was sie wollen?

Die erste Frage ist, warum sich die beiden überhaupt als Paar gefunden haben, wenn den einen Partner Hobbys oder Gewohnheiten des anderen so sehr stören, dass er sie verbieten muss. Egal, ob man nicht möchte, dass der andere sich mit bestimmten Freunden trifft, Fallschirmspringen geht oder raucht: Das war doch eigentlich vorher klar (oder sollte zumindest klar sein, wenn man heiratet). Dann kann man sagen, dass einem nicht gefällt und das Thema gegebenenfalls auch mal ausdiskutieren. Und entweder ist das es dann nicht allzu relevant für die Beziehung wenn derjenige weitermacht und man kann lernen, darüber hinweg zu sehen, oder dem anderen ist die Beziehung wichtig genug, das Verhalten abzulegen. Oder es ist tatsächlich ein zu großes Problem und man trennt sich. Aber mit der Zeit, womöglich erst nach der Hochzeit ein explizites, unantastbares Verbot aufzustellen, geht nicht. (Und hier geht es gar nicht nur darum, dass die Frau etwas verbietet – wie im obigen Film. Andersrum passiert es sicherlich ebenfalls, dass Männer ihren Frauen plötzlich etwas verbieten wollen. Warum eigentlich sollte jemand überhaupt das Recht haben, einem Menschen etwas zu verbieten? Aber ich schweife ab…)

Als zweites steht die Möglichkeit, dass es etwas ist, was der Mann machen möchte, aber eigentlich weiß, dass es nicht in Ordnung ist, aus moralischen oder anderen Gründen. Dazu gehört zum Beispiel, mit anderen Frauen zu schlafen. In einer monogamen Beziehung geht das nicht. Das kann man akzeptieren und sich daran halten. Oder man macht von Anfang an klar, dass man polygam (um mal eine Möglichkeit zu nennen) leben möchte, was ebenfalls ein valides Modell ist, welches von genug Menschen gelebt wird.

Jedoch, so scheint es mir, geht es eher um die Aufrechterhaltung eines Mysteriums, nämlich dem des animalischen Mannes. Er hat unter anderem Aggressionen, aber auch seinen Sexualtrieb nicht (vollständig) unter Kontrolle. Deshalb muss er bei Provokationen zuschlagen und zu leicht bekleideten Frauen im harmlosesten Fall hinterherschauen und sie schlimmstenfalls vergewaltigen. Demnach ist die monogame Ehe folgerichtig ein Gefängnis, in dem das „Manntier“ eingesperrt wird, es wird gezügelt und in seinen natürlichen Trieben eingeschränkt. Und ein „Freifahrtschein für eine Woche“, handeln „ohne Konsequenzen“ ist dann natürlich der absolute Männertraum.

Somit ist dieser Werbetext für diesen Film – und natürlich auch der ganze Film selbst, denn er basiert ja auf ebenjener Prämisse – ein gutes Beispiel für Rape Culture, in der wir scheinbar leben. Und je mehr der Mann als „animalisch“ dargestellt wird, desto mehr macht es ihn passiv, desto „unschuldiger“ wird er bei seinen Akten der Gewalt. Damit zieht er sich aus der Verantwortung. Eine Gesellschaft, die das unterstützt, unterstützt diese Gewalt. Das fängt an bei den Filmen – von „Romantikkomödien“ wie Alles Erlaubt bis „Actionfilmen“ mit offener Gewalt – und hört auf bei „Victim Blaming“ (z. B. Fragen, was das Opfer an hatte) und Zweifeln an Vergewaltigungsvorwürfen.

Männer, die sich als schwer zu bändigen und hilflos gegenüber ihren eigenen Aggressionen und Trieben darstellen, sind im Grunde genommen nur eins: Arschlöcher, die sich nicht benehmen wollen.