Elternzeitgedanken

Ich bin zum zweiten Mal schwanger. Dieses Mal soll alles anders werden, geplant, abgesprochen, wohlbedacht, ganz gewünscht. Mittlerweile bin ich im Mutterschutz; etwas verfrüht, da ich noch so viele Überstunden auf meinem Konto hatte. Mein Mann und ich sind seit Tagen krank, so ist leider kaum Kraft da, um all die Dinge zu erledigen, die wir uns für diese Zeit vorgenommen hatten; Dinge, die schon seit Wochen liegen geblieben sind. Dafür ist umso mehr Zeit, miteinander zu Reden, Pläne zu schmieden, sich über Gefühle und Befürchtungen auszutauschen: Das für uns aktuellste Thema ist die Elternzeit, und wie wir sie zeitlich und finanziell gestalten wollen. Bisher war bei uns die Lohn- und Carearbeit in etwa so aufgeteilt: Ich bin seit Kind1 neun Monate alt ist in Vollzeit berufstätig, arbeite 40 Stunden wöchentlich mit zusätzlichen Nacht- & Wochenenddiensten, der Mann ist seither in Elternzeit (ohne eine Anstellung im Hintergrund, zu der er zurückkehren kann). Kind1 (2J.) geht vormittags in eine Kita hier im Ort. Der Mann übernimmt also den größten Teil der Arbeit, die mit Kind und Haushalt zu tun haben, ich sorge für die finanziellen Mittel und habe ein paar kleinere Haushaltsaufgaben. Diese Modell ist von uns so gewählt, da ich einerseits in einer Vollzeitanstellung mehr verdiene als der Mann, er mir andererseits schon ein paar Jahre Berufserfahrung voraus hat (ich startete erst 2015 in mein Berufsleben) und die Aufgabenteilung unseren emotionalen Präferenzen entspricht. Dabei spielten vor allem unsere Erfahrung während der Säuglingszeit mit Kind1 die entscheidende Rolle.

Dafür muss ich etwas ausholen: Ich hatte gerade mein Studium (12 Semester Regelstudienzeit, daher empfinde ich meinen Berufseinstieg auch als relativ spät) beendet und hatte vor, mir noch einige Monate ohne Berufstätigkeit für meine Promotion einzuräumen. Der Mann war in der Zeit schon berufstätig mit zwei Teilzeitjobs als Ergotherapeut. Dann kam alles anders, ich wurde trotz relativ sicherer Verhütungsmethoden (Pearl-Index 0,9) schwanger, der Geburtstermin lag ca. 4 Monate nach meinem angestrebten Berufsstart. Wir wollten Kinder, das war (vor allem für den Mann schon sehr lange) klar, aber jetzt eigentlich noch nicht. Ich hatte nach einem relativ langem Studium den Wunsch endlich arbeiten zu gehen und auch Geld zu verdienen (nach einer Studienzeit mit Bafög und Tutorinnenjobs). Wir entschieden uns dafür, dass ich einige Zeit mit dem Kind zu Hause bleiben würde, und der Mann Hauptverdiener bleibt und wir dann tauschen würden. Es kam, dass ich die Zeit mit dem Kind zu Hause nicht nur als schwierig, sondern mitunter sogar als quälend und existentiell bedrohlich empfunden habe. Typische Narrative der damaligen Gedanken waren Kontrollverlust, Auflösung der eigenen Person und Bedürfnisse, Schuld, Versagen, Fremdbestimmtheit, Verlust eines Körpers für den ich solange gebraucht hatte ausreichend Liebe aufzubringen und von dem ich wusste, was sich von ihm erwarten konnte. Ich war soweit uns vorzuwerfen, dass wir der Frage, ob wir dieses Kind wirklich bekommen sollten, während der Schwangerschaft nicht ausreichend Raum gelassen haben. Ich suchte mir Hilfe, bekam verlängerte Wochenbettbetreuung durch meine Hebamme und ging wöchentlich zur Gesprächstherapie in eine lokale Familienberatungsstelle. Im Nachhinein habe ich auch kaum noch Schwierigkeiten von einer postpartalen Depression zu sprechen, damals konnte ich das nicht so sehen und war vor allem enttäuscht und entsetzt von mir selbst. Andere schaffen das doch auch, was stelle ich mich so an, ich bin doch die Mutter, ich schade dem Kind nur, es wäre besser dran ohne eine Mutter wie mich, etc. Alles änderte sich schlagartig mit meinem Start ins Berufsleben. Plötzlich erfuhr ich externe Gratifizierung, ich hatte eine Aufgabe, die ich bewältigen konnte, von der ich nicht schon vorher das Gefühl hatte, nichts richtig machen zu können.

Die Tatsache, dass der Mann sich gerne um Kind1 kümmert ließ mich auch wieder Hoffnung schöpfen, dass wir ein Familienleben haben könnten, das dem Kind mehr nutzt als schadet. So kam es, dass wir uns zutrauten noch ein zweites Kind zu bekommen. Dieses mal geplant, abgesprochen, wohlbedacht, ganz gewünscht. Zum Anfang der Schwangerschaft wollte ich gerne Elternzeit nehmen, ich hoffte, dieses Mal könnte alles ganz anders werden, ich könnte vielleicht diesem Kind etwas zurückgeben, wieder gut machen. Doch wir bemerkten, dass das Elterngeld ein oberes Limit hat und uns wurde dadurch klar, dass es mir als Alleinverdienerin nicht möglich ist, längere Zeit Elternzeit zu nehmen – zumindest nicht, ohne dass der Mann in dieser Zeit für ein zweites Einkommen sorgt. Auch die Idee, diese Zeit für eine gemeinsame Reise zu nutzen wurde schnell verworfen. Wir hatten uns ja zuvor auch dem Familienleben zuliebe entschieden mit nur einem Einkommen auszukommen, wobei sich eben keine großen Reichtümer anhäufen lassen. So begannen wir verschiedene Modelle zu drehen und zu wenden, wie sich diese Zeit finanziell gestalten ließ. Es dauerte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass ich einerseits die Hoffnung hatte, dass diese Elternzeit schöner, entspannter sein würde, ich es dieses Mal besser hinbekäme, eine bessere Mutter wäre, ich mir aber andererseits die völlige Flexibilität wünschte, mich beim ersten Anzeichen alter Muster und Gefühle in den Job flüchten zu können. Die ist natürlich mit einer gleichzeitigen Berufstätigkeit des Mannes nur schwer möglich. Es brauchte auch die ersten realen Jobangebote des Mannes und das Diskutieren von potentiellen Arbeitszeiten, bis mir klar wurde, dass dies für mich bedeuten würde mit zwei (!) Kindern alleine zu sein;  vielleicht wäre es für ihn auch gar nicht möglich, am Geburtstermin flexibel Urlaub zu bekommen. Ich verbiss mich in den Gedanken, dass das andere Mütter (und ich sag hier bewusst Mutter, weil dies genau dem sozialen Rollenkonstrukt meiner mir selbst vorwürflichen Psyche entspricht) auch schaffen, auch können, auch gerne machen. Ich versuchte diese Aussicht als Herausforderung zu sehen, als eine Art Beweis für mich selbst. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann sich die Pläne änderten, jedenfalls konnte ich meine Erleichterung direkt körperlich spüren. Wir kamen zu dem Schluss, dass jede Einarbeitung des Mannes in einer neuen Stelle in seinem Beruf für eine maximale Arbeitsdauer von sechs Monaten für ihn, wie auch für mich schwieriger sein würde, als wenn ich einfach früher wieder arbeiten würde. Somit sehen unsere Pläne aktuell so aus: Ich bleibe über den Mutterschutz (also bis 8 Wochen nach der Entbindung) zu Hause, der Mann auch. Danach arbeite ich wieder in Vollzeit, als dann wahrscheinlich noch stillende Mutter genieße ich einen ähnlichen Schutz, wie als Schwangere. Ich habe täglich Anspruch auf  eine (zusätzliche) Stunde Pause, um zu Stillen bzw. abzupumpen, wodurch sich meine  tägliche Arbeitsdauer aber nicht verlängern darf. Auch bin ich weiterhin ausgenommen von Nacht- und Sonntagsarbeit. Gleichzeitig verdiene ich meinen normalen Lohn. Ich gehe davon aus bei der Arbeit auf ein gewisses Maß an sozialem Druck zu stoßen, was mich von mehr oder minder unfreiwilligen Überstunden zu einem gewissen Grad schützen wird.

Somit habe ich die Aussicht auf eine Wochenbettzeit gemeinsam mit dem Mann, die ich dann wahrscheinlich viel mehr genießen kann, als jegliche längere Elternzeit ohne ihn. Ich muss kaum noch Angst haben die Situation und die Gefühle könnten sich wiederholen, was eine große Erleichterung ist. Gleichzeitig werde ich den nagenden Gedanken nicht los, dass dies eine Flucht ist, indem ich mich der Situation nicht stelle. Auch der Gedanke, diese Entscheidung bereuen zu können und mir im Nachhinein mehr Zeit mit Kind2 zu wünschen ist unüberwindlich da. Jedoch ist meine Erleichterung, die mit dem aktuellen Entwurf verbunden ist, so groß, dass dies trotzdem richtig scheint. Ich versuche mir zu sagen, dass die Qualität dieser zwei Monate für Kind2 und mich wichtiger sein wird, als die Quantität eventueller Elternzeitmonate als potentiell unglückliche Mutter.

Ein Gedanke zu „Elternzeitgedanken“

  1. Endlich komme ich mal zum Kommentieren.. 🙂
    Ich weiß nicht, ob dir das hilft (oder du überhaupt so eine Rückmeldung willst..), aber in abgeschwächterer Form ging es mir in den ersten Wochen ähnlich. Dieses Gefühl sich selbst zu verlieren, gar nicht mehr da zu sein, dazu ein schlechtes Gewissen und als Topping ein dauerschreiendes Kind und das Gefühl alles wie durch einen Filter wahrzunehmen.
    Ich kann gut nachvollziehen, dass du das Gefühl hast, dass euer Weg eine Flucht ist (womit du implizierst, dass es quasi nicht richtig ist). Aber ganz ehrlich? Wem willst du da gerecht werden? Warum muss man jeden Scheiß durchfechten? Ihr müsst glücklich werden, ihr müsst euch wohl fühlen. Du musst glücklich sein, um deinen Kindern gerecht werden zu können. Und das ist eben euer Weg. Wenn ich mehr verdienen würde, würde mein Mann auch lieber daheim bleiben, sich ums Kind kümmern, den Haushalt schmeißen und ich würde – bei aller Liebe für das absolute Wunschkind, für das ich medizinisch und körperlich so einiges auf mich genommen habe,- arbeiten gehen. Mir war schon vor der Schwangerschaft klar, dass ich nicht zu den Frauen gehöre, die absolut und völlig in der Mutterschaft aufgehen. (Ehrlich gesagt beargwöhne ich diese totale Selbstaufgabe von manchen Frauen auch immer etwas.. äh.. sehr… ;))
    Langes Geschreibsel, kurzer Sinn: Ich wünsche euch einen wunderschönen, unproblematischen Start, den ihr hoffentlich genießen könnt. Und es ist keine feige Flucht, sondern richtig, wichtig und gut, so wie ihr es macht.
    Liebe Grüße

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