Die fetten Jahre sind vorbei

Der Film Die fetten Jahre sind vorbei ist nun mittlerweile fast zehn Jahre alt. Ich weiß noch, dass ich den damals, als er gerade heraus kam, ziemlich gut fand. So gut sogar, dass ich mehr als einmal im Kino war deshalb, wenn ich mich recht entsinne. Zwar wurde ich das zweite Mal eingeladen, aber trotzdem.

Da wir seit kurzer Zeit mal wieder Watchever ausprobieren (das erste Mal, kurz nach Launch, gab es einfach viel zu viele technische Probleme), entschieden wir uns gestern, den Film mal wieder anzuschauen. Und von dem Film, den ich als Jugendlicher so unglaublich cool fand, blieb nicht mehr viel übrig. Wir schafften es gerade so, die Hälfte des Films zu schauen, danach schalteten wir aus. Und das lag nicht (primär) daran, dass das Kind schrie und gestillt werden musste.

Man könnte meinen, dass mangels weiterer weiblicher Darsteller Die fetten Jahre sind vorbei sang- und klanglos durch den Bechdel-Test fällt (während mir auffällt, dass der Test nur im Deutschen keine eigene Wiki-Seite zu haben scheint, Schande). Neben der Figur Jule gibt es keine nennenswerte weitere Frau im Film. Jedoch gibt es Frauen als Statisten (z.B. Restaurantgäste), mit denen sich Jule unterhält, und zwar nicht über Männer. Allerdings sind die Frauen hier nörgelig und beschweren sich beispielsweise, dass das Getränk im falschen Glas gebracht wurde. Die Männer sitzen an der Stelle still daneben. Somit ist der Bechdel-Test zwar, strenggenommen, bestanden (nicht jedoch den Mo Movie Measure), aber so ganz im Sinne des Erfinders ist das aber sicher nicht.

Was uns aber viel mehr gestört hat, als die fehlende weibliche Besetzung, ist die Darstellung der Frau im Film (zumindest in der ersten Hälfte, aber ich kann mich spontan an keine nennenswerte Wende im späteren Verlauf des Films erinnern). Die Figur Jule schwankt innerhalb jeweils weniger Minuten zwischen der Rolle des hilflosen kleinen Dummchens, was die Renovierung ihrer popeligen Wohnung nicht allein hinbekommt und nebenher oberlehrerhaft von Jan belehrt wird und der super anstrengenden, extrem fordernden/bettelnden Tonangeberin. Erst gibt sie sich demütig ihren Schulden hin und braucht einen erfahrenen Revoluzzer wie Jan, um zu kapieren, dass das System verrückt ist und kurz darauf zieht sie ihn im Schlepptau in das Haus ihres Gläubigers um Rache zu üben und Möbel zu verrücken, dabei lässt sie sich nicht im Geringsten auf die Versuche, sie zu bremsen, ein. Kurz darauf, wer hätte es gedacht, wird Jule wieder total hilflos und immer hysterischer dargestellt. Das geht sogar soweit, dass sie die Situation ohne ihren Freund Peter nicht mehr hinbekommt und ihn anruft: „Du musst schnell kommen, wir sitzen echt in der Scheiße.“

Kurz bevor wir abschalteten fiel uns dann noch folgendes Detail am Rande auf: Jules Freund Peter unternimmt mehrfach Versuche, ihr näher zu kommen, sie zu Zärtlichkeiten und vermutlich Sex zu bewegen. Sie blockt das (nachdem der Einbruch schiefgelaufen ist) mehrmals ab. Peter ist mehrfach sichtlich gekränkt und der Film versucht auf diese Weise darzustellen, dass sich die beiden voneinander entfernen. Dass die Frau – Gott bewahre – andere Gründe dafür haben könnte, keinen Sex zu wollen (z.B. der Umstand, dass zwei andere Menschen im Raum sind), wird kaum zugelassen.

Ich bin ganz schön enttäuscht, nicht nur vom Film, sondern auch ein bisschen von mir, dass ich den damals so gut fand. Dennoch: die Aussage und die Ideen des Filmes sind ja gar nicht schlecht. Und wenn ich die Protagonisten des Films jetzt auf etwa 19/20 Jahre schätzen und als beinahe-noch-Kinder sehen würde, waren sie damals, als ich 17 war ja noch deutlich älter als ich und viel besser als Vorbilder geeignet. Insofern ist mir glaube ich klar, woher die Faszination damals kam und welche politische Richtung gleichzeitig bestärkt wurde und dazu beigetragen hat, dass ich den Film mochte. Aber mir ist auch klar, dass ich den Film lieber die nächsten Jahre in Ruhe lasse und ihn erst wieder mit meinen Kindern im entsprechenden Alter schaue, um ihnen ein paar revolutionäre Ideen mitzugeben und über die Darstellung von Frauen zu diskutieren. 🙂