Elternzeitgedanken

Ich bin zum zweiten Mal schwanger. Dieses Mal soll alles anders werden, geplant, abgesprochen, wohlbedacht, ganz gewünscht. Mittlerweile bin ich im Mutterschutz; etwas verfrüht, da ich noch so viele Überstunden auf meinem Konto hatte. Mein Mann und ich sind seit Tagen krank, so ist leider kaum Kraft da, um all die Dinge zu erledigen, die wir uns für diese Zeit vorgenommen hatten; Dinge, die schon seit Wochen liegen geblieben sind. Dafür ist umso mehr Zeit, miteinander zu Reden, Pläne zu schmieden, sich über Gefühle und Befürchtungen auszutauschen: Das für uns aktuellste Thema ist die Elternzeit, und wie wir sie zeitlich und finanziell gestalten wollen. Bisher war bei uns die Lohn- und Carearbeit in etwa so aufgeteilt: Ich bin seit Kind1 neun Monate alt ist in Vollzeit berufstätig, arbeite 40 Stunden wöchentlich mit zusätzlichen Nacht- & Wochenenddiensten, der Mann ist seither in Elternzeit (ohne eine Anstellung im Hintergrund, zu der er zurückkehren kann). Kind1 (2J.) geht vormittags in eine Kita hier im Ort. Der Mann übernimmt also den größten Teil der Arbeit, die mit Kind und Haushalt zu tun haben, ich sorge für die finanziellen Mittel und habe ein paar kleinere Haushaltsaufgaben. Diese Modell ist von uns so gewählt, da ich einerseits in einer Vollzeitanstellung mehr verdiene als der Mann, er mir andererseits schon ein paar Jahre Berufserfahrung voraus hat (ich startete erst 2015 in mein Berufsleben) und die Aufgabenteilung unseren emotionalen Präferenzen entspricht. Dabei spielten vor allem unsere Erfahrung während der Säuglingszeit mit Kind1 die entscheidende Rolle.

Dafür muss ich etwas ausholen: Ich hatte gerade mein Studium (12 Semester Regelstudienzeit, daher empfinde ich meinen Berufseinstieg auch als relativ spät) beendet und hatte vor, mir noch einige Monate ohne Berufstätigkeit für meine Promotion einzuräumen. Der Mann war in der Zeit schon berufstätig mit zwei Teilzeitjobs als Ergotherapeut. Dann kam alles anders, ich wurde trotz relativ sicherer Verhütungsmethoden (Pearl-Index 0,9) schwanger, der Geburtstermin lag ca. 4 Monate nach meinem angestrebten Berufsstart. Wir wollten Kinder, das war (vor allem für den Mann schon sehr lange) klar, aber jetzt eigentlich noch nicht. Ich hatte nach einem relativ langem Studium den Wunsch endlich arbeiten zu gehen und auch Geld zu verdienen (nach einer Studienzeit mit Bafög und Tutorinnenjobs). Wir entschieden uns dafür, dass ich einige Zeit mit dem Kind zu Hause bleiben würde, und der Mann Hauptverdiener bleibt und wir dann tauschen würden. Es kam, dass ich die Zeit mit dem Kind zu Hause nicht nur als schwierig, sondern mitunter sogar als quälend und existentiell bedrohlich empfunden habe. Typische Narrative der damaligen Gedanken waren Kontrollverlust, Auflösung der eigenen Person und Bedürfnisse, Schuld, Versagen, Fremdbestimmtheit, Verlust eines Körpers für den ich solange gebraucht hatte ausreichend Liebe aufzubringen und von dem ich wusste, was sich von ihm erwarten konnte. Ich war soweit uns vorzuwerfen, dass wir der Frage, ob wir dieses Kind wirklich bekommen sollten, während der Schwangerschaft nicht ausreichend Raum gelassen haben. Ich suchte mir Hilfe, bekam verlängerte Wochenbettbetreuung durch meine Hebamme und ging wöchentlich zur Gesprächstherapie in eine lokale Familienberatungsstelle. Im Nachhinein habe ich auch kaum noch Schwierigkeiten von einer postpartalen Depression zu sprechen, damals konnte ich das nicht so sehen und war vor allem enttäuscht und entsetzt von mir selbst. Andere schaffen das doch auch, was stelle ich mich so an, ich bin doch die Mutter, ich schade dem Kind nur, es wäre besser dran ohne eine Mutter wie mich, etc. Alles änderte sich schlagartig mit meinem Start ins Berufsleben. Plötzlich erfuhr ich externe Gratifizierung, ich hatte eine Aufgabe, die ich bewältigen konnte, von der ich nicht schon vorher das Gefühl hatte, nichts richtig machen zu können.

Die Tatsache, dass der Mann sich gerne um Kind1 kümmert ließ mich auch wieder Hoffnung schöpfen, dass wir ein Familienleben haben könnten, das dem Kind mehr nutzt als schadet. So kam es, dass wir uns zutrauten noch ein zweites Kind zu bekommen. Dieses mal geplant, abgesprochen, wohlbedacht, ganz gewünscht. Zum Anfang der Schwangerschaft wollte ich gerne Elternzeit nehmen, ich hoffte, dieses Mal könnte alles ganz anders werden, ich könnte vielleicht diesem Kind etwas zurückgeben, wieder gut machen. Doch wir bemerkten, dass das Elterngeld ein oberes Limit hat und uns wurde dadurch klar, dass es mir als Alleinverdienerin nicht möglich ist, längere Zeit Elternzeit zu nehmen – zumindest nicht, ohne dass der Mann in dieser Zeit für ein zweites Einkommen sorgt. Auch die Idee, diese Zeit für eine gemeinsame Reise zu nutzen wurde schnell verworfen. Wir hatten uns ja zuvor auch dem Familienleben zuliebe entschieden mit nur einem Einkommen auszukommen, wobei sich eben keine großen Reichtümer anhäufen lassen. So begannen wir verschiedene Modelle zu drehen und zu wenden, wie sich diese Zeit finanziell gestalten ließ. Es dauerte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass ich einerseits die Hoffnung hatte, dass diese Elternzeit schöner, entspannter sein würde, ich es dieses Mal besser hinbekäme, eine bessere Mutter wäre, ich mir aber andererseits die völlige Flexibilität wünschte, mich beim ersten Anzeichen alter Muster und Gefühle in den Job flüchten zu können. Die ist natürlich mit einer gleichzeitigen Berufstätigkeit des Mannes nur schwer möglich. Es brauchte auch die ersten realen Jobangebote des Mannes und das Diskutieren von potentiellen Arbeitszeiten, bis mir klar wurde, dass dies für mich bedeuten würde mit zwei (!) Kindern alleine zu sein;  vielleicht wäre es für ihn auch gar nicht möglich, am Geburtstermin flexibel Urlaub zu bekommen. Ich verbiss mich in den Gedanken, dass das andere Mütter (und ich sag hier bewusst Mutter, weil dies genau dem sozialen Rollenkonstrukt meiner mir selbst vorwürflichen Psyche entspricht) auch schaffen, auch können, auch gerne machen. Ich versuchte diese Aussicht als Herausforderung zu sehen, als eine Art Beweis für mich selbst. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann sich die Pläne änderten, jedenfalls konnte ich meine Erleichterung direkt körperlich spüren. Wir kamen zu dem Schluss, dass jede Einarbeitung des Mannes in einer neuen Stelle in seinem Beruf für eine maximale Arbeitsdauer von sechs Monaten für ihn, wie auch für mich schwieriger sein würde, als wenn ich einfach früher wieder arbeiten würde. Somit sehen unsere Pläne aktuell so aus: Ich bleibe über den Mutterschutz (also bis 8 Wochen nach der Entbindung) zu Hause, der Mann auch. Danach arbeite ich wieder in Vollzeit, als dann wahrscheinlich noch stillende Mutter genieße ich einen ähnlichen Schutz, wie als Schwangere. Ich habe täglich Anspruch auf  eine (zusätzliche) Stunde Pause, um zu Stillen bzw. abzupumpen, wodurch sich meine  tägliche Arbeitsdauer aber nicht verlängern darf. Auch bin ich weiterhin ausgenommen von Nacht- und Sonntagsarbeit. Gleichzeitig verdiene ich meinen normalen Lohn. Ich gehe davon aus bei der Arbeit auf ein gewisses Maß an sozialem Druck zu stoßen, was mich von mehr oder minder unfreiwilligen Überstunden zu einem gewissen Grad schützen wird.

Somit habe ich die Aussicht auf eine Wochenbettzeit gemeinsam mit dem Mann, die ich dann wahrscheinlich viel mehr genießen kann, als jegliche längere Elternzeit ohne ihn. Ich muss kaum noch Angst haben die Situation und die Gefühle könnten sich wiederholen, was eine große Erleichterung ist. Gleichzeitig werde ich den nagenden Gedanken nicht los, dass dies eine Flucht ist, indem ich mich der Situation nicht stelle. Auch der Gedanke, diese Entscheidung bereuen zu können und mir im Nachhinein mehr Zeit mit Kind2 zu wünschen ist unüberwindlich da. Jedoch ist meine Erleichterung, die mit dem aktuellen Entwurf verbunden ist, so groß, dass dies trotzdem richtig scheint. Ich versuche mir zu sagen, dass die Qualität dieser zwei Monate für Kind2 und mich wichtiger sein wird, als die Quantität eventueller Elternzeitmonate als potentiell unglückliche Mutter.

Familienblog

Schreiben um des Schreibens Willen

So lautet im Grunde genommen die Devise (fast) aller Blogs, die ich so mehr oder weniger regelmäßig lese. Beim Bloggen geht es darum, Erfahrungen zu verarbeiten, indem man aufschreibt, was einen beschäftigt. Ein bisschen wie ein öffentliches Tagebuch. Dass man diese Erfahrungen mit anderen teilt, die in ähnlichen Situationen stecken oder auch nicht, Rückmeldung und Kommentare bekommt, ist ein netter Nebeneffekt. Aber hauptsächlich geht es den meisten darum, einfach nur aufzuschreiben.

Ich habe das hier (und in diversen anderen „Blogversuchen“) mehrmals probiert und nie lange durchgehalten. Vielleicht bin ich einfach nicht konsequent genug, vielleicht bin ich auch zu häufig mit anderen Dingen beschäftigt, aber wahrscheinlich brennt das Bedürfnis zu Schreiben nicht so sehr in mir wie in anderen Menschen. Ich glaube ich bin eher jemand, der viel übers Reden verarbeitet und weiterkommt. Das geht einfach schneller, die Rückmeldung kommt direkter und ich sitze nicht den ganzen Abend an diesem einen Blogpost und habe dann keine Zeit mehr für etwas anderes. Vielleicht ist es somit auch nur eine Sache der Prioritäten.

Denn Themen zum Niederschreiben gäbe es genug. Das Kind liefert tagtäglich Futter zum Hinterfragen der eigenen Entscheidungen und der gewählten Erziehungsmethoden. Ich finde, meine Frau Anne und ich sind da ein gutes Team, wir diskutieren (meist) sehr konstruktiv, wenn unsere Meinungen auseinander gehen oder wir nicht mehr so richtig weiterwissen. Dazu gehört dann auch, Meinungen von anderen Eltern im Internet zu lesen (zugegeben ist sie meist diejenige, die gute Blogartikel ausgräbt). Was dabei allerdings fehlt, ist der Austausch nach außen. Wir leben ziemlich ländlich und haben leider noch keine anderen Eltern in der Nähe gefunden, mit denen wir das Gefühl hatten, dass wir uns mit ihnen tiefergehend und konstruktiv über manche Themen austauschen könnten. Insbesondere unser „radikaler“ feministischer Ansatz sorgt scheinbar immer wieder für Irritation oder Unverständnis. Ich glaube, es täte uns gut, uns mal etwas mehr mit zumindest grundsätzlich Gleichgesinnten auszutauschen, als nur andere Meinungen zu „konsumieren“.

Hinzu kommt ein Nachbarschaftskonflikt, der mittlerweile ziemlich verfahren ist, im Treppenhaus wird nicht einmal mehr gegrüßt und es ist kein Entgegenkommen oder Einlenken in Sicht (trotz mehrfacher Versuche unsererseits). Auch hier täte es sicher gut, immer mal wieder etwas ins Internet zu schreiben, um sich den Ballast von der Seele zu schreiben und wieder etwas besser schlafen zu können (ich bekomme Einschlafprobleme und Bauchschmerzen, wenn mich etwas zu sehr beschäftigt bzw. aufregt). Vielleicht ist auch der ein oder andere Tipp in den Kommentaren hilfreich bei der Lösung des Konflikts.

Als wir kürzlich beim Autofahren wieder etwas mehr Zeit hatten, solche und andere Themen zu besprechen, kam Anne die Idee, dass man das ja tatsächlich mal probieren könnte, Dinge ins Internet zu schreiben. Nur so zum Selbstzweck, um sie loszuwerden. Da ich dieses Blog und die Domain ja noch habe, bot sich also an, ihr hier einen Account zu geben und schreiben zu lassen, ggf. könnten wir hier auch kollaborativ Texte schreiben.

Und so starten wir nun diesen Versuch, eines gemeinsamen Familienblogs. In diesem Sinne: Willkommen, Anne!

Das „Manntier“ in der Romantikkomödie

Werbetext aus der Mail zum Film "Alles Erlaubt"
Alles Erlaubt – Werbetext

Was kann es besseres für zwei Ehemänner geben, als von ihren Ehefrauen einen Freifahrtschein zu bekommen, genau eine Woche lang das zu tun, was sie schon immer machen wollten – und das ohne Konsequenzen. Ist dies tatsächlich das Paradies männlicher Freiheit?

Dies ist der Text, mit dem der Film „Alles Erlaubt“ auf Watchever im wöchentlichen Newsletter beworben wird.

Ich habe es schon häufiger erlebt, dass die Ehe für Männer als eine Art „Gefängnis“ dargestellt wird, so wie es der erste Satz in Form einer rhetorischen Frage vermitteln will. Denn Männer sind – das muss man wissen – von Natur aus animalische Wesen, die nur schwer zu bändigen sind; sie folgen ihren Instinkten in Kneipenschlägereien und haben große Mühe, ihren Sexualtrieb unter Kontrolle zu halten. So zumindest scheint das Narrativ zu sein, welches hinter solch einer Darstellung steht. Aber wieso sollten Männer während der Ehe nicht sowieso das tun können, was sie wollen?

Die erste Frage ist, warum sich die beiden überhaupt als Paar gefunden haben, wenn den einen Partner Hobbys oder Gewohnheiten des anderen so sehr stören, dass er sie verbieten muss. Egal, ob man nicht möchte, dass der andere sich mit bestimmten Freunden trifft, Fallschirmspringen geht oder raucht: Das war doch eigentlich vorher klar (oder sollte zumindest klar sein, wenn man heiratet). Dann kann man sagen, dass einem nicht gefällt und das Thema gegebenenfalls auch mal ausdiskutieren. Und entweder ist das es dann nicht allzu relevant für die Beziehung wenn derjenige weitermacht und man kann lernen, darüber hinweg zu sehen, oder dem anderen ist die Beziehung wichtig genug, das Verhalten abzulegen. Oder es ist tatsächlich ein zu großes Problem und man trennt sich. Aber mit der Zeit, womöglich erst nach der Hochzeit ein explizites, unantastbares Verbot aufzustellen, geht nicht. (Und hier geht es gar nicht nur darum, dass die Frau etwas verbietet – wie im obigen Film. Andersrum passiert es sicherlich ebenfalls, dass Männer ihren Frauen plötzlich etwas verbieten wollen. Warum eigentlich sollte jemand überhaupt das Recht haben, einem Menschen etwas zu verbieten? Aber ich schweife ab…)

Als zweites steht die Möglichkeit, dass es etwas ist, was der Mann machen möchte, aber eigentlich weiß, dass es nicht in Ordnung ist, aus moralischen oder anderen Gründen. Dazu gehört zum Beispiel, mit anderen Frauen zu schlafen. In einer monogamen Beziehung geht das nicht. Das kann man akzeptieren und sich daran halten. Oder man macht von Anfang an klar, dass man polygam (um mal eine Möglichkeit zu nennen) leben möchte, was ebenfalls ein valides Modell ist, welches von genug Menschen gelebt wird.

Jedoch, so scheint es mir, geht es eher um die Aufrechterhaltung eines Mysteriums, nämlich dem des animalischen Mannes. Er hat unter anderem Aggressionen, aber auch seinen Sexualtrieb nicht (vollständig) unter Kontrolle. Deshalb muss er bei Provokationen zuschlagen und zu leicht bekleideten Frauen im harmlosesten Fall hinterherschauen und sie schlimmstenfalls vergewaltigen. Demnach ist die monogame Ehe folgerichtig ein Gefängnis, in dem das „Manntier“ eingesperrt wird, es wird gezügelt und in seinen natürlichen Trieben eingeschränkt. Und ein „Freifahrtschein für eine Woche“, handeln „ohne Konsequenzen“ ist dann natürlich der absolute Männertraum.

Somit ist dieser Werbetext für diesen Film – und natürlich auch der ganze Film selbst, denn er basiert ja auf ebenjener Prämisse – ein gutes Beispiel für Rape Culture, in der wir scheinbar leben. Und je mehr der Mann als „animalisch“ dargestellt wird, desto mehr macht es ihn passiv, desto „unschuldiger“ wird er bei seinen Akten der Gewalt. Damit zieht er sich aus der Verantwortung. Eine Gesellschaft, die das unterstützt, unterstützt diese Gewalt. Das fängt an bei den Filmen – von „Romantikkomödien“ wie Alles Erlaubt bis „Actionfilmen“ mit offener Gewalt – und hört auf bei „Victim Blaming“ (z. B. Fragen, was das Opfer an hatte) und Zweifeln an Vergewaltigungsvorwürfen.

Männer, die sich als schwer zu bändigen und hilflos gegenüber ihren eigenen Aggressionen und Trieben darstellen, sind im Grunde genommen nur eins: Arschlöcher, die sich nicht benehmen wollen.

Die fetten Jahre sind vorbei

Der Film Die fetten Jahre sind vorbei ist nun mittlerweile fast zehn Jahre alt. Ich weiß noch, dass ich den damals, als er gerade heraus kam, ziemlich gut fand. So gut sogar, dass ich mehr als einmal im Kino war deshalb, wenn ich mich recht entsinne. Zwar wurde ich das zweite Mal eingeladen, aber trotzdem.

Da wir seit kurzer Zeit mal wieder Watchever ausprobieren (das erste Mal, kurz nach Launch, gab es einfach viel zu viele technische Probleme), entschieden wir uns gestern, den Film mal wieder anzuschauen. Und von dem Film, den ich als Jugendlicher so unglaublich cool fand, blieb nicht mehr viel übrig. Wir schafften es gerade so, die Hälfte des Films zu schauen, danach schalteten wir aus. Und das lag nicht (primär) daran, dass das Kind schrie und gestillt werden musste.

Man könnte meinen, dass mangels weiterer weiblicher Darsteller Die fetten Jahre sind vorbei sang- und klanglos durch den Bechdel-Test fällt (während mir auffällt, dass der Test nur im Deutschen keine eigene Wiki-Seite zu haben scheint, Schande). Neben der Figur Jule gibt es keine nennenswerte weitere Frau im Film. Jedoch gibt es Frauen als Statisten (z.B. Restaurantgäste), mit denen sich Jule unterhält, und zwar nicht über Männer. Allerdings sind die Frauen hier nörgelig und beschweren sich beispielsweise, dass das Getränk im falschen Glas gebracht wurde. Die Männer sitzen an der Stelle still daneben. Somit ist der Bechdel-Test zwar, strenggenommen, bestanden (nicht jedoch den Mo Movie Measure), aber so ganz im Sinne des Erfinders ist das aber sicher nicht.

Was uns aber viel mehr gestört hat, als die fehlende weibliche Besetzung, ist die Darstellung der Frau im Film (zumindest in der ersten Hälfte, aber ich kann mich spontan an keine nennenswerte Wende im späteren Verlauf des Films erinnern). Die Figur Jule schwankt innerhalb jeweils weniger Minuten zwischen der Rolle des hilflosen kleinen Dummchens, was die Renovierung ihrer popeligen Wohnung nicht allein hinbekommt und nebenher oberlehrerhaft von Jan belehrt wird und der super anstrengenden, extrem fordernden/bettelnden Tonangeberin. Erst gibt sie sich demütig ihren Schulden hin und braucht einen erfahrenen Revoluzzer wie Jan, um zu kapieren, dass das System verrückt ist und kurz darauf zieht sie ihn im Schlepptau in das Haus ihres Gläubigers um Rache zu üben und Möbel zu verrücken, dabei lässt sie sich nicht im Geringsten auf die Versuche, sie zu bremsen, ein. Kurz darauf, wer hätte es gedacht, wird Jule wieder total hilflos und immer hysterischer dargestellt. Das geht sogar soweit, dass sie die Situation ohne ihren Freund Peter nicht mehr hinbekommt und ihn anruft: „Du musst schnell kommen, wir sitzen echt in der Scheiße.“

Kurz bevor wir abschalteten fiel uns dann noch folgendes Detail am Rande auf: Jules Freund Peter unternimmt mehrfach Versuche, ihr näher zu kommen, sie zu Zärtlichkeiten und vermutlich Sex zu bewegen. Sie blockt das (nachdem der Einbruch schiefgelaufen ist) mehrmals ab. Peter ist mehrfach sichtlich gekränkt und der Film versucht auf diese Weise darzustellen, dass sich die beiden voneinander entfernen. Dass die Frau – Gott bewahre – andere Gründe dafür haben könnte, keinen Sex zu wollen (z.B. der Umstand, dass zwei andere Menschen im Raum sind), wird kaum zugelassen.

Ich bin ganz schön enttäuscht, nicht nur vom Film, sondern auch ein bisschen von mir, dass ich den damals so gut fand. Dennoch: die Aussage und die Ideen des Filmes sind ja gar nicht schlecht. Und wenn ich die Protagonisten des Films jetzt auf etwa 19/20 Jahre schätzen und als beinahe-noch-Kinder sehen würde, waren sie damals, als ich 17 war ja noch deutlich älter als ich und viel besser als Vorbilder geeignet. Insofern ist mir glaube ich klar, woher die Faszination damals kam und welche politische Richtung gleichzeitig bestärkt wurde und dazu beigetragen hat, dass ich den Film mochte. Aber mir ist auch klar, dass ich den Film lieber die nächsten Jahre in Ruhe lasse und ihn erst wieder mit meinen Kindern im entsprechenden Alter schaue, um ihnen ein paar revolutionäre Ideen mitzugeben und über die Darstellung von Frauen zu diskutieren. 🙂

Mehr Liebe fürs Blog

Jetzt sieht es doch glatt so aus, als ob sich hier doch wieder nichts tut. Stimmt aber nicht, hier ein paar Updates:

  • Ich habe das Design des Blogs angepasst auf das 2014er Theme von WordPress.
  • Ich wohne nicht mehr im kaltgrauen Berlin, sondern im warmen Süden Deutschlands.
  • NextTask hat noch mal einen Haufen Aufmerksamkeit und ein neues Design von mir bekommen. Jetzt bin ich ziemlich zufrieden damit und hoffe, dass ich sie nun endlich mal so lassen kann. (habe ich aber bereits zwei Mal gedacht und dann doch wieder Dinge verbessert…). Außerdem gibt es NextTask jetzt auf Amazon.
  • Den Kurs Programming Methodology habe ich nun fertig, der nächste Teil (Programming Abstractions) steht in den Startlöchern. Allerdings möchte ich mich nun etwas mehr fokussieren und erst die dynamische Webseitenprogrammierung meistern (naja, zumindest den Kurs beenden). Auch die Projektaufgaben erfülle ich fleißig.

Das soll fürs Erste reichen. Und wie immer gelobe ich, in nächster Zeit häufiger zu schreiben…

Petitionen

Mir sind in diesem Jahr immer häufiger Online-Petitionen aufgefallen und irgendwie sträubt sich immer etwas in mir, daran teilzunehmen. Aber warum?

Zuallererst folgendes: Ich finde Petitionen ein gutes und sehr legitimes Mittel der politischen Meinungsäußerung. Eine möglichst große Masse der Bevölkerung gibt mit ihrer Unterschrift an: „Ja, da bin ich dafür, das ist auch meine Meinung.“ Und dann kann der Adressat, zum Beispiel eine Behörde oder Regierung entsprechend reagieren. So kommt auch (vielleicht zum ersten Mal) ein öffentliches Bewusstsein über Missstände oder Wünsche zustande, durch das bloße Ausdrücken desselben (was man auch an den Twitter-Hashtags #aufschrei, #nudelnmitketchup, etc. sehen konnte). Menschen bemerken: Sie sind nicht allein, es geht vielen so, es wird diskutiert.

Nachdem die Petition (hoffentlich hundertfach) unterzeichnet wurde, kann man all die Unterschriften zusammen mit dem Anliegen überreichen, man kann Fotos machen, die Reaktion einfangen, Änderungsversprechen dokumentieren.

Im Zeitalter des Internets gibt es eine neue Form von Petitionen: Online-Petitionen. Hier kann man, wenn die Facebook-Gruppe nicht mehr reicht, seine Meinung auch außerhalb von sozialen Netzwerken kundtun. Öffentlich ist das trotzdem nicht, sondern eher ein neues, eigenes soziales Netzwerk. Und so wie es Facebook, Google+ und Twitter gibt, gibt es für Petitionen unter anderem change.org, avaaz.org oder die Plattform des deutschen Bundestags. Das Prinzip ist bei allen das gleiche: Man gibt seine Daten an die Webseite weiter, indem man sich registriert. Und von da aus reicht dann nur noch ein Klick, und man hat sich bei den verschiedensten Petitionen beteiligt.

Was ist daran jetzt das Problem? Das Gefühl, etwas getan zu haben. Aktiv am Prozess der Demokratie teilgenommen zu haben. Denn das Gefühl trügt. Einerseits ist (fast) allen Beteiligten klar, wie einfach es ist, eine Petition online „mitzuzeichnen“, nämlich mit einem einzigen Klick. Und genauso einfach ist es dementsprechend, mehrmals mitzumachen. Oder nicht seinen echten Namen anzugeben. Oder sogar komplett automatisiert, mithilfe eines Skriptes, tausendfach teilzunehmen. Und damit wird die Petition und auch alle „echten“ Unterschriften immer weniger wert. Denn woher weiß der Angesprochene, was echt und was nicht echt ist?

Außerdem kann man damit sicherlich eine Meinung kundtun, jedoch besteht (in den meisten Fällen) kein Handlungszwang für die Adressaten der Petition. Der Bundestag hat die Hürde von 50.000 Mitzeichnern auf seiner Petitionsplattform. Doch lassen sich selbst diese unglaublich vielen Menschen leicht wegargumentieren, sind es doch immerhin lediglich 0,06% der deutschen Bevölkerung. Weniger als einer von tausend hat die in der Petition zum Ausdruck gebrachte Meinung, also warum sollte etwas geändert werden?

Auch ohne Argumentation lassen sich Petitionen gut ignorieren. Wenn die Menschen höchstens per Mausklick ihre Meinung zum Ausdruck bringen, braucht man nicht zu befürchten, das irgendjemand mal nachhakt. Die Meinung wurde zum Ausdruck gebracht. Und die Adressaten können in guter alter Lebowski-Manier antworten: „Yeah, well, you know, that’s just, like, your opinion, man.“ Und fertig. Selbst die Petitionen an den Bundestag gehen nicht direkt an diesen, sondern in den Petitionsausschuss. Der dann auch mal entscheiden kann, dass das jetzt nicht unbedingt relevant oder sinnvoll ist (Beispiel).

Viel sinnvoller sind dagegen die Volksbegehren. Der Berliner Energietisch hat 271.496 Unterschriften von Berlinern zusammengesammelt, um die Berliner Stromversorgung wieder zu rekommunalisieren. Das ist eine enorme Menge und deutlich wirkungsvoller, weil es Handlung von den zuständigen Volksvertretern erzwingt.

Am wirkungsvollsten ist aber immer noch die gute alte Demonstration. Auf die Straße gehen, öffentlich Änderungen fordern und sich zeigen. Und natürlich zu stören, nicht nur den (meist nur gefühlten) allgemeinen Konsens, sondern eben auch alle möglichen Mitbürger, die sollen das ja mitbekommen. Denn nur so wird man mit seinem Anliegen gesehen.

Politik darf nicht bequem sein. Und darauf zu hoffen, dass sich die Verantwortlichen von irgendwelchen anonymen Klicks beeindrucken lassen ist schlicht und ergreifend Blödsinn!

Mal wieder was schreiben…

Ich sollte mal wieder mehr schreiben. Aber im Moment leide ich etwas unter Zeitmangel und schaffe es, immer wieder andere Dinge zu finden, die ich unbedingt tun muss. Hinzu kommt, dass „ja eh nur die paar Bots mitlesen“. Falls dem nicht so ist: Ich versuche, demnächst wieder mal etwas mehr zu schreiben…

Make The Sun Shine

Im April war es noch bitterkalt und ich habe meinen Sommermix vom letzten Jahr gepostet. Und prompt wurde es quasi Sommer. Jetzt lässt sich der Sommer erneut bitten, in Berlin regnet es schon seit Tagen und es ist kein Ende in Sicht. Deshalb habe ich nun wieder ein bisschen Musik zusammengestellt, die mich den Regen ein wenig vergessen lassen.

Der Einfachheit halber habe ich das ganze (unter den wachsamen Ohren eines erfahreneren DJs) zusammengemischt und auf Mixcloud hochgeladen. Dort, so habe ich das verstanden, werden tatsächlich Tantiemen an die Künstler gezahlt, weil ich fein säuberlich markiere, wann und wo welches Stück läuft. So oder so, ich hoste es immerhin nicht direkt hier auf dem Blog. 🙂

Ich wünsche viel Spaß beim Hören, vielleicht haben wir dann auch bald so einen richtigen Sonnenschein-Sommer, wie es sich gehört.

Gegen die Bestandsdatenauskunft

Wer in letzter Zeit das Thema Netzpolitik verfolgt, hat vermutlich von der Bestandsdatenauskunft gehört. In Kürze: Die sogenannten Bestandsdaten beinhalten Namen, Telefonnummer, Adresse, Geburtsdatum. Dazu kommen seit dem Zeitalter des Internets allerdings auch die IP-Adresse, Mailaccounts und alle Passwörter und PINs. Die sollen nun ab 1.7. vom Staat beinahe uneingeschränkt abgefragt werden können, und zwar nicht zur Ermittlung gegen Verbrecher, sondern bereits bei Ordnungswidrigkeiten! Lediglich die Passwörter brauchen einen Richterbeschluss, der umgangen werden kann, wenn „Gefahr im Verzug“ ist, also ziemlich einfach (kann man ja erstmal einfach behaupten). Und das beste: man muss gar nicht mehr benachrichtigt werden, dass man überwacht wird oder wurde. Also: wenn ihr einmal falsch geparkt habt, könnt ihr beinahe komplett und ohne euer Wissen überwacht werden, so sieht es der Gesetzgeber vor. 

So weit, so furchtbar.

Nun ist mir zwar bewusst, dass dieses Blog nicht viele Leser hat, jedoch möchte ich meinen bescheidenen Teil gegen dieses Gesetz beitragen und alle dazu aufrufen, sich der Verfassungsbeschwerde gegen die Bestandsdatenauskunft anzuschließen. Das ist gar überhaupt nicht aufwändig, ihr erteilt einem Anwalt eine Vollmacht (nur für dieses Anliegen) und taucht fortan als einer von hoffentlich mehreren tausend Beschwerdeführern auf. Es entstehen keine Kosten (außer die 58 Cent für die Briefmarke).

Mitmachen könnt ihr HIER.

Weitere Informationen gibt es HIER.

Serienmails

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit wollte ich für eine Online-Befragung möglichst viele Menschen erreichen. Aus einem Verzeichnis bekam ich die E-Mail-Adressen und stellte nun Überlegungen an, wie ich am besten vorgehen sollte. Insgesamt handelte es sich dabei um über 3000 Adressen, die erreicht werden sollten.

Alle Empfänger einfach in das normale Adressfeld zu schmeißen schied natürlich von vornherein aus. Das geht datenschutzrechtlich einfach nicht. Auch wenn alle Adressen „frei zugänglich“, also mit etwas Aufwand aber ohne Probleme im Netz klickbar sind, sollten nicht alle Emfpfänger sehen können, wer die Mail noch bekommen hat. Oder sogar direkt mal allen antworten. Serienmails weiterlesen